Die verfaelschte Schoenheit

geschrieben von Ute | 25 Mär, 2006

Neulich, im Literaturcafe.

Am Nachbartisch sass eine wunderschoene Frau. Ich konnte den Blick einfach nicht von ihr abwenden.
Sie erinnerte mich an die Damen aus adeligem Hause. Die Sitzhaltung nahezu gestreckt, die Beine elegant aneinandergelegt, mit einem leichten Knick nach links. Man haette ihr auch 2 Buecher unter die Achselhoehlen legen koennen und beim Griff zur Kaffeetasse haetten diese den Fall zu Boden niemals erreicht. Ihre halblangen Haare umspielten ihr einzigartiges Gesicht. Dieses makellose Gesicht, ohne eine Spur von Alterserscheinungen faszinierte mich.

Mehrmals versuchte ich ihr Alter zu erraten, aber das war unmoeglich. Also klassifizierte ich sie zwischen 40 und 55 ein.
Mein Gespraechspartner, mit welchem ich zuvor eine angeregte Diskussion fuehrte, erzaehlte und erzaehlte. Aber ich konnte dem Gespraechsverlauf keine Aufmerksamkeit mehr schenken. Zu sehr beeindruckte mich diese elegante Schoenheit, welche durch Grandezza glaenzte. Ich durchsuchte ihr Gesicht strategisch. Angefangen beim Stirnansatz der so glatt war, ohne nur ein Faeltchen zu schlagen, wenn ihr Gesichtsausdruck nachdenklicher wurde. Weiter zur Augenpartie, foermlich suchend nach nur irgendeinem kleinen Makel. Fehlanzeige. Auch im Bereich des Mundes konnte ich nichts entdecken, was irretiert haette.

Ich stoppte den Redefluss meines Freundes nicht, denn wir hatten uns fast ein Jahr nicht mehr gesehen und er wartete mit so vielen Neuigkeiten auf. Es dauerte ewig, bis er mal kurz eine Verschnaufpause einlegte.

In dieser sah er mich an und meinte, wo ich denn gedanklich waere. Ich sagte zu ihm, welche Faszination diese Dame bei mir ausloeste und ich wollte nun aus maennlicher Sicht wissen, was er zu sagen hat.

Diese Zeit gab ich ihm auch und entschwand fuer einge Minuten zur Toilette. Dort riskierte ich auch einen Blick in den Spiegel und war beinahe genoetigt, meine Augenfalten zu zaehlen. Aber dies liess ich dann bleiben und trat den Rueckzug in den Salon an.

Kopfschuettelnd begruesste mich mein Freund zurueck. Wartete ab, bis ich Platz genommen hatte und bat mich nochmals zu wiederholen, was mich an der Frau faszinierte. Ich zaehlte nochmals alle Einzelheiten auf und erntete nur Gelaechter von ihm.

Er sah mich ganz ernsthaft an und fragte mich, ob ich ihr schon mal auf die Haende gesehen haette. Das hatte ich natuerlich noch nicht getan und so glitt mein Blick bei ihr wieder beginnend vom Stirnansatz an herab und betrachtete ihre Haende, welche ausgestreckt auf dem Tisch lagen.

Ein Schaudern durchzuckte mich. Mein Blick gleitete wieder in ihr Gesicht, dann erneut zurueck zu ihren Haenden.

Ich war in dem Moment sprachlos und hoerte nur meinen Freund neben mir leise sagen: "Das Gesicht gleicht einer makellosen Schoenheit", da gebe ich dir vollkommen Recht, nur die Haende sprechen Bilder, denn sie gleichen denen einer alten, sehr alten Frau"!

Ich war total schockiert und erstaunt zugleich, was die Schoenheitschirurgie alles moeglich machen kann. Zugleich befand ich den Anblick dieser Frau mittlerweile als haesslich. Es passt einfach nicht zusammen.

Ich dachte gerade an meine Faeltchen, betrachtete meine Haende und stellte gluecklich fest: "Unveraendert und natuerlich ist der wahre Mensch"!

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